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Die Selbstheilungskräfte aktivieren

Gedanken und Gefühle können auf den Organismus wie eine Arznei wirken. Lässt sich dieser Effekt von Psyche auf Körper gezielt beeinflussen? Experten sagen: Ja!

von Sonja Gibis, aktualisiert am 16.05.2017

Selbstheilung: Die Kraft der Gedanken nutzen

Shutterstock, Inc. /g-stockstudio/Ragnar Schmuck

Wenn sich die Pein qualvoll über die Pobacke zieht, ist der Schuldige meist klar: der Ischias. Und der plagt mitunter auch Forscher. Als Professor Paul Enck bei einem Orthopäden Hilfe suchte, setzte dieser eine schmerzlindernde Spritze. "Ich konnte sofort problemlos aufstehen", berichtet Enck. Sein Arzt reagierte indes verwundert. "Er meinte, das Medikament könne unmöglich so schnell wirken." 

Wenn es also nicht die Injektion war, die den Schmerz so fix verscheuchte – was dann? Kaum jemand kennt die Antwort so gut wie Enck selbst. Der Psychologe ist einer der weltweit führenden Placebo-Forscher. An der Universität Tübingen untersucht er, warum Zuckerpillen, weiße Kittel und nette Worte heilsam wirken. Oder auch eine Spritze. "Eine solche steigert die Erwartung sogar stärker als Tabletten", weiß Enck.


Hochwirksam: Der Placebo-Effekt

Noch immer tut sich die moderne Medizin schwer, anzuerkennen, welch großen Einfluss die Psyche auf die körperliche Gesundheit hat. Wie stark dieser Einfluss ist, beweist allein schon der Placebo-Effekt. In der Medizin wird damit die Heilwirkung umschrieben, die weder vom Arzneimittel noch sonst von einer erwiesenermaßen effektiven Behandlung ausgeht. Oft wird Placebo daher als "wirkungs­loses Scheinmedikament" bezeichnet. Dabei ist es gerade das Gegenteil: hochwirksam. 

Selbst bei starken Arzneien ist ein Placebo-Effekt im Spiel. "Bei Schmerzmitteln macht er etwa 40 Prozent der Wirkung aus", so Enck. Ebenso kraftvoll zeigt er sich bei psychischen Störungen. Und Parkinsonkranke können sich nach einer Placebo-Therapie besser bewegen.  

Der "innere Arzt" heilt mit

Doch wenn es nicht der Wirkstoff ist, der hilft – was dann? Hinter dem oft als Einbildung geschmähten Placebo-Effekt verbirgt sich ein mächtiges Heilprinzip der Medizin. Manche nennen es den "inneren Arzt". Enck spricht lieber von Konditionierung und neurokogni­tiven Reaktionen.

Gemeint ist dasselbe: Flößt der Arzt dem Patienten Vertrauen ein, weckt er mit seiner Behandlung sowie den richtigen Worten eine positive Erwartung, dann bringt er über die Psyche etwas in Bewegung. Und das hilft letztlich dem Körper, sich selbst zu helfen. Man kann sagen, der Arzt aktiviert bei dem Patienten die Selbstheilungskräfte.


Was kann ich tun?
Die moderne Medizin kann das aktive Mitwirken des Patienten nicht ersetzen. Ein wichtiger Schritt ist deshalb, sich bewusst zu werden: Ich kann meine Gesundheit beeinflussen. Jeder zieht seine seelische Kraft aus anderen Quellen. Hat eine Krankheit diese in Vergessenheit geraten lassen, kann ein Therapeut dabei helfen, sie wiederzufinden.

Chronischer Stress macht Körper und Seele krank. Wichtig ist, der Belastung rechtzeitig gegenzusteuern. Experten emp­fehlen das Einüben von Ent­­spannungstechniken, etwa nach Jakobson, oder Meditation.

Ausreichende Bewegung bringt die Regenerationsfähigkeit des Körpers in Schwung. Sie ­verbessert die Durchblutung und lässt Wunden schneller heilen. Auch die Abwehr wird fitter. Wichtig zudem: ausgewogene Ernährung mit reichlich Gemüse und Obst sowie der Verzicht auf Rauchen und zu viel Alkohol.

Genug Schlaf ist wichtig. Schon eine durchwachte Nacht – und die Abwehr schwächelt nachweislich. Die Antikörper-Produk­tion läuft vor allem im Schlaf auf Hochtouren. Auch Impfungen wirken besser, wenn man in der Nacht darauf gut schläft.


Der Körper repariert sich ständig

Dass der Körper solche Kräfte besitzt, bestreitet niemand. Schon von Hippokrates, Arzt in der Antike, ist der Satz überliefert: "Die wirksamste Medizin ist die natürliche Heilkraft, die im Inneren eines jeden von uns liegt." Selbstheilung ist dabei kein seltenes Wunder. Sie ist Alltag. Der Körper regeneriert und reguliert sich ständig. Er repariert mit Enzymen fehlerhaftes Erbgut, bekämpft Erreger mit einer ausgeklügelten Abwehr. Er kann Infekte überwinden, Wunden schließen und gebrochene Knochen heilen.

Selbst gegen Krebs ist er keineswegs machtlos. Die meisten bösartigen Zellen vernichtet das Immunsystem, bevor daraus ein Tumor wächst. Sogar bei fortgeschrittener Erkrankung schafft der Körper es manchmal, den inneren Feind doch noch zu besiegen. Sogenannte Spontanremissionen sind ex­trem selten und geben Ärzten noch immer Rätsel auf. Doch es gibt sie.

Der Arzt selbst ist das beste Placebo

Das heißt allerdings nicht, dass der Körper jede Krankheit selbst besiegen kann, wenn man ihm nur Zeit dazu lässt. Bei manchen Symptomen ist schnelles Eingreifen überlebenswichtig. Fehlt in einem Arm oder Bein plötzlich das Gefühl, heißt es: sofort den Notarzt rufen! Das kann auf einen Schlaganfall hindeuten, dann zählt jede Minute. Und zu hohen Blutdruck oder Blutzucker muss man ebenfalls behandeln – auch wenn man sie nicht spürt.

"Generell schätzen viele Menschen ihre Selbstheilungskräfte heute aber eher zu gering ein", berichtet Professor Ferdinand M. Gerlach, Direktor des ­­Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität in Frankfurt. Bei Fieber grei­fen sie zu Pillen, um es rasch zu senken. Dabei gehört der Temperaturanstieg zur natürlichen Abwehr­reaktion. Auch wird nicht bei jedem Atemwegsinfekt oder jeder Mittelohrentzündung ein Antibiotikum fällig.

Für Gerlach gehört es zur Aufgabe des Arztes, den Rezeptblock öfter einmal beiseite zu lassen. "Wir müssen den Patienten bei seiner Selbstheilung bestmöglich unterstützen." Ebenso gut wie Pillen wirken häufig konkrete Ratschläge, Anteilnahme und Zuspruch. Das stärkste Placebo, das belegen Studien, ist der Arzt selbst.

Wie die Seele den Verlauf einer Krankheit beeinflusst

Doch kann die Psyche tatsächlich auf den Körper wirken? Dass Worte, Gedanken und Gefühle physische Effekte hervorrufen, ist eigentlich eine alltäg­liche Erfahrung. Man denke etwa an ein Examen. "Ja, wissen Sie denn überhaupt etwas?", fragt der Prüfer – und Angst, Scham, Wut steigen hoch. Das Herz schlägt bis zum Hals, Schweiß bricht aus, die Knie werden weich. Der Körper reagiert. Sofort. Warum sollte es also nicht auch andere Effekte geben, die unbemerkt verlaufen?


Diese Frage stellte sich Professor Kurt Zänker bereits vor mehr als 30 Jahren. Bei seiner Arbeit auf einer Krebsstation erlebte er jeden Tag, wie stark die Seele den Verlauf der Krankheit beeinflusst. Zänker beschloss, nach den Schaltstellen zu fahnden, wo Psychologie und Biologie ineinandergreifen. An der Uni Witten/Herdecke widmete er sich einem neuen Forschungszweig: der Psychoneuroimmunologie. Sie untersucht das Wechselspiel von Psyche, Nerven und Abwehr.

Stress behindert die Selbstheilungskräfte

Inzwischen versteht die junge Wissenschaft die Verflechtungen zwischen Geist und Körper besser. So gelang es, einige Botenstoffe zu identifizieren, mit denen Nerven und Immunsystem kommunizieren. "Unbestritten ist etwa, dass chronischer Stress sich negativ auf die Selbstheilungskräfte auswirkt", sagt Zänker. Während eine kurze Belastung die Abwehr stärkt, ­gerät bei Dauerstress zu viel Kortisol ins Blut und hemmt diese. Auch wer ständig unter Ängsten leidet, sich abgelehnt und hoffnungslos fühlt, ist gegen Krankheiten schlechter gewappnet. Zahlreiche Studien weisen darauf hin, dass optimistische Menschen, die Sinn im Leben sehen sowie Zutrauen in sich und ihr Tun haben, besser geschützt sind.

Aber wie beeinflusst man das? Der Rat "Sei fröhlich, dann bleibst du gesund!" hilft einem Schwarzseher wenig. Doch gibt es durchaus Wege, gezielt auf die Psyche einzuwirken. "Gedanken und Gefühle sind therapierbar, genauso wie Beschwerden im Knie oder in der Leber", erklärt Experte Zänker. Zum Beispiel mit den richtigen Worten. Gemeint ist hier nicht nur die geglückte Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Auch jede Art von Psychotherapie versucht, über Worte die Gedanken und Gefühle zu beeinflussen – und so auf den Körper zu wirken.

Die Redekur, wie der Psychoanalytiker Sigmund Freud seine Behandlung nannte, löst daher nicht nur Ängste und innere Blockaden. Sie kann ebenso Schuppenflechte oder Kreuzweh lindern. Auch wenn die Verdauung ständig verrückt spielt oder Asthma die Lungen zuschnürt, kann dahinter eine übermäßig belastete Seele stecken. Experten sprechen von psychosomatischen Beschwerden.


Ein Tumor lässt sich nicht wegdenken

Doch auch wenn die Psyche bei jedem körperlichen Leiden mitmischt: Zänker warnt davor, in Vorstellungen von ­ihrer Allmacht abzugleiten. Wem Meditation und psychologische Betreuung hilft, mit mehr Zuversicht durch eine belastende Krebstherapie zu gehen, der ist auf dem richtigen Weg. Wer nach dem psychischen Trauma sucht, das die Erkrankung ausgelöst hat, oder gar glaubt, einen Tumor wegdenken zu können, geht dagegen in die Irre. 

Dennoch: Die Psychoneuroimmunologie weist der Psyche in Sachen Gesundheit eine Bedeutung zu, für die im mechanistischen Denken der Medizin lange kein Platz war. Das gelingt ihr auf dem Fundament moderner und seriöser Wissenschaft. Wer gesundheits­bewusst leben will, sollte sich also nicht nur ausgewogen ernähren und viel bewegen. Genauso wichtig ist es, die Kraftquellen seiner Seele zu suchen, kleine und große. Sie nähren ­­Zuversicht und Vertrauen in die Kräfte des eigenen Körpers – und stärken so gleichzeitig den inneren Arzt.




Bildnachweis: Shutterstock, Inc. /g-stockstudio/Ragnar Schmuck

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